Die Magische Acht – Jahreszahlen mit historischer Tragweite

Jahreszahlen die bewegten

Tschechisches Rundfunkgebäude ©BLL
Tschechisches Rundfunkgebäude ©BLL

Was sagen uns die Jahreszahlen 1348, 1618, 1648,1918,1938, 1948 und 1968 in Verbindung zu Prag?

Wir sind dem nachgegangen und haben anlässlich des 100. Jahrestags der Tschechoslowakischen Republik im Jahr 2018 in Prag die damaligen Originalschauplätze gesucht und teilweise gefunden. 100 Jahre Tschechische Republik – Folgen Sie uns auf unserer Zeitreise.

Hier die bedeutenden Jahre:

1348 – Wurden die Länder der böhmischen Krone festgelegt. Diese waren Böhmen, Mähren, Schlesien und Ober- und Niederlausitz.

Die königliche Herrschaft dauerte bis in das Jahr 1918. Im Jahr 138 wurde die Prager Universität (Karl-Ferdinands-Universität) gegründet. Die Universität in Prag ist die älteste Universität nördlich der Alpen und östlich von Paris, wurde 1348 von Karl IV. gegründet und war geraume Zeit die einzige Universität des römisch-deutschen Reiches. Prag war schließlich eine der größten europäischen Städte des Mittelalters. Die Universität hatte, anhand erhaltener Hörerlisten, am Anfang des 15. Jahrhunderts bereits über 10.000 eingeschriebene Studenten, wobei Dreiviertel der Studenten Deutsche und ein siebentel Tschechen waren. Entsprechend paritätisch waren die Stimmenverhältnisse im Senat.

Karl-Ferdinands-Universität in Prag
Karl-Ferdinands-Universität in Prag

1618 – Der Prager Fenstersturz und der Beginn des Dreißigjährigen Kriegs

Um genau zu sein gab es in Prag nicht nur einen, sondern mehrere als „Fensterstürze“ benannte Ereignisse. Auslöser war jedes Mal ein Konflikt, der damit endete, dass Vertreter der ungeliebten religiösen oder politischen Richtung unter Gewalt aus dem Fenster geworfen wurden.

Geschichtlich der wohl bekannteste ist der Prager Fenstersturz aus dem Jahr 1618.

Kaiser Rudolf II. verstarb am 20. Jänner 1612, sein Nachfolger wurde Rudolfs Bruder Matthias, der sich jedoch nicht an die von Rudolf garantierte Glaubensfreiheit hielt. Immer mehr Protestanten wurden aus den königlichen Diensten entlassen und der Einfluss der Katholiken am Hof nahm stetig zu. Die aufgebrachten protestantischen Adligen verfassten ein Protestschreiben an den Kaiser, der jedoch darauf nicht reagierte. Am 23. Mai 1618 machten sie die Protestierer auf zur Prager Burg, um dort ihre Anliegen deutlich zum Ausdruck zu bringen.

Sie veranstalteten eine Art Gerichtsverhandlung, an deren Ende sie die beiden königlich-habsburgischen Statthalter sowie einen ebenfalls anwesenden Sekretär aus dem Fenster der königlichen Kanzlei warfen. Der Fenstersturz von 1618 war Auslöser für den Dreißigjährigen Krieg zwischen Protestanten und Katholiken in ganz Europa.

1648 Das Ende des Dreißigjährigen Kriegs in Prag

Am 26. Juli 1648 kam es zur Besetzung der Prager Burg durch die schwedische Armee. Der letzte Generalsturm der Schweden fand vom 25. Oktober an statt und endete am 1. November 1618. Die Prager verloren während der Belagerung 219 Mann, davon 101 Soldaten; der Rest waren bewaffnete Bürger, dazu kamen 475 Verwundete.

1918 Entstehung der Tschechoslowakischen Republik

Bereits im Februar 1916 wurde der Tschechoslowakische Nationalrat in Paris eingesetzt um den zukünftigen Staat zu repräsentieren /T.G. Masaryk, E. Benes, R. Stefanik). Am 6. Jänner 1918 fand die berühmte Dreikönigsdeklaration der Tschechischen Abgeordneten statt. Im Juni bis September 1918 fand die Anerkennung des Tschechoslowakischen Nationalrat durch Frankreich, Großbritannien und den USA statt.

Am 18. Oktober 1918 erschien der erste Zeitungsbericht über die Annahme der Friedensbedingungen. Menschenmengen versammelten sich bei der Statue des Hl. Wenzels, um die Entstehung der Tschechoslowakei auszurufen, damit war die Tschechoslowakei am Leben.

Am 28. Oktober 1918 wurde hierauf im Prager Gemeindehaus von Vertretern vier tschechischer Parteien der tschechoslowakische Staat ausgerufen. Der k.u.k. Statthalter und die k.u.k. Garnison nahmen dies widerspruchslos zur Kenntnis – der Statthalter überließ die Amtsgeschäfte seinem tschechischen Stellvertreter.

1938 Münchner Abkommen und Besatzung der Tschechoslowakei

Das Münchener Abkommen verfügte, dass die Tschechoslowakei ihre überwiegend von Deutschen bewohnten Grenzgebiete Böhmens, die sudetendeutschen Gebiete, sofort an das Deutsche Reich abzutreten habe. Es kam nach den Beratungen der Regierungschefs der vier Großmächte Chamberlain, Daladier, Hitler und Mussolini zustande und wurde am 30. September 1938 im Führerbau des „Braunen Hauses“ in München unterzeichnet. Die Sowjetunion wollte an der Münchner Konferenz beteiligt werden und bot der Tschechoslowakei und Frankreich militärische Hilfe an, um den bestehenden tschechoslowakisch-französischen Beistandspakt durchzusetzen, was aber abgelehnt wurde.

Der tschechoslowakische Außenminister Kamil Krofta erklärte am 30. September gegenüber dem britischen, dem französischen und dem italienischen Gesandten:

„Im Namen des Präsidenten der Republik sowie meiner Regierung erkläre ich, dass wir uns den in München ohne uns und gegen uns getroffenen Entscheidungen unterwerfen. […]

Ich will nicht kritisieren, aber das ist für uns eine Katastrophe, die wir nicht verdient haben. Wir unterwerfen uns und werden uns bemühen, unserem Volk ein ruhiges Leben zu sichern. Ich weiß nicht, ob von dieser in München getroffenen Entscheidung Ihre Länder Vorteil haben werden. Allein, wir sind nicht die letzten, nach uns werden andere betroffen werden.“

Foto©Bundesarchiv: Mussolini bei der Unterzeichnung des Abkommens
Foto©Bundesarchiv: Mussolini bei der Unterzeichnung des Abkommens

1948 Kommunistische Machtübernahme

Wie kam es dazu?

Das Regierungsprogramm von 1945, ließ bereits einen gewissen kommunistischen Einfluss erahnen. Die Folgen waren: Mehr als 70% der Industriebetriebe wurden verstaatlicht und meistens den Deutschen und den Nazi-Kollaborateuren weggenommen. In der Landwirtschaft wurde eine Bodenreform eingeführt, deren Nutznießer die Mittelschicht und die Beamten waren. Das Wort „Sozialismus“ klang für viele in der Tschechoslowakei als attraktiv – wie auch in anderen Ländern Europas nach dem Krieg.

Eine weitere Weichenstellung stellten die ersten Wahlen nach dem Krieg im Mai 1946 dar. 38 Prozent der Wähler stimmten für die Kommunisten und machten diese damit zur stärksten Partei im Land. Für Präsident Beneš und die anderen vier Parteien war dies ein Schock, augenscheinlich hatten sie das Machtpotenzial der Kommunisten unterschätzt. Russlands Stalin galt als der wichtigste Beschützer – vor dem Krieg – sowohl in den Augen der politischen Führung, als auch breiter Bevölkerungsschichten in der Tschechoslowakei. Die westlichen Alliierten ließen Stalin gewähren, dabei hätten Großbritannien der Tschechoslowakei bereits 1945 den Rücken zugekehrt, Frankreich und die Vereinigten Staaten taten dies erst später.

In dieser Zeit begannen die tschechoslowakischen Kommunisten endgültig ihre Machtübernahme vorzubereiten. Sie traten innerhalb der Regierung immer kompromissloser auf und ignorieren die Beschlüsse der gemeinsamen Nationalen Front. Mitte Februar 1948 erhält der nicht-kommunistische Justizminister Prokop Drtina die Nachricht, dass acht leitende Prager Polizeifunktionäre abberufen wurden und durch Kommunisten ersetzt werden sollen. Es bricht ein offener Streit aus, die Kommunisten beginnen die Massen aufzuwiegeln.

Am 25. Februar kann Beneš dem Druck nicht mehr standhalten und beauftragt den kommunistischen Parteivorsitzenden und Premier Klement Gottwald mit der Bildung einer neuen Regierung. Auf dem Prager Wenzelsplatz hält Gottwald seine berühmteste Rede:

„Ich komme gerade von der Prager Burg vom Präsidenten der Republik. Ich kann Ihnen mitteilen, dass der Präsident alle meine Vorschläge angenommen hat.“

Wenige Monate später tritt Edvard Beneš zurück und Klement Gottwald wird sein Nachfolger. Es ist der Beginn der Einparteien-Herrschaft, die erst 1989 in einer sanften Revolution (Prager Frühling) beendet wird.

Foto:©RadioCZ Kommunistische Machtübernehme
Foto:©RadioCZ Kommunistische Machtübernehme

1968 Der Prager Frühling und der Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen

Im Jänner 1968 bahnte sich ein Führungswechsel in der kommunistischen Partei ab von A. Novotny zu A. Dubcek, bereits im Februar 1968 fiel die Pressezensur, im April präsentierte man das neue Aktionsprogramm der kommunistischen Partei. Im Juni fand das Manifest der 2.000 Worte statt, aber bereits am 21. August 1968 marschierten Warschauer Pakt-Truppen ein und erfolgte die Besetzung durch die sowjetische Armee.

Der Tschechoslowakische Rundfunk spielte in der Geschichte der Tschechoslowakischen Republik immer schon eine bedeutende Rolle.

Hören Sie in unserem Video die Geschichte über die bewegenden Momente.

Mit dem beginnenden Prager Frühling lockerte sich die Atmosphäre im Rundfunk. Erstmals wurden Live-Übertragungen von kritischen Versammlungen ausgestrahlt, kamen unzufriedene Bürger zu Wort, fanden Rundfunkdiskussionen statt. Dadurch spielte der Tschechoslowakische Rundfunk eine große Rolle bei den gesellschaftlichen Veränderungen während des Prager Frühlings.

Doch in der Nacht zum 21. August 1968 gegen 2 Uhr morgens kam es gerade dem Tschechoslowakischen Rundfunk zu, die Bevölkerung über das Ende der Reformen zu informieren: „Gestern, am 20. August 1968, gegen 23 Uhr haben Truppen der Sowjetunion, der Polnischen Volksrepublik, der Deutschen Demokratischen Republik, der Ungarischen Volksrepublik und der Bulgarischen Volksrepublik die Staatsgrenzen der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik überschritten. Dies geschah ohne das Wissen des Präsidenten der Republik, des Vorsitzenden der Nationalversammlung, des Regierungsvorsitzenden und des Generalsekretärs des ZKs der Partei.“

Wie bereits im Mai 1945 wurde auch im August 1968 ein regelrechter Kampf um das Gebäude des Tschechoslowakischen Rundfunks geführt. Der Rundfunk spielte damals eine Schlüsselrolle: die führenden Politiker des Prager Frühlings waren nach Moskau entführt worden – in jenen Tagen war es der Rundfunk, der informierte, organisierte und die Moral der Menschen aufrechterhielt. Damit wurde er zu einer Autorität, die die Moskautreuen Kommunisten so schnell wie möglich verstummen lassen wollten.

Dies gelang ihnen nach einigen Tagen auch. 15 Menschen starben damals im August 1968 rund um das Rundfunkgebäude. An jene Tote erinnert ebenso wie an die Gefallenen aus den Maitagen des Jahres 1945 eine Gedenktafel am Eingang in das Rundfunkgebäude.

Eine Frage sei dazu erlaubt:

Lernen Menschen, Politiker, Oppositionelle und Besserwisser aus der Geschichte?

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3 Kommentare

  1. Da habe ich wieder einiges dazugelernt! Gratulation für die Idee uns Aufarbeitung der Themas. Die Schlussfrage kann man nur 3 mal unterstreichen. Lernen wir alle NIE???

  2. Liebe Redaktion, wie kommt man auf die Idee mit der Zahl 8?? Und dann ist der Beitrag noch sehr lehrreich und informativ. Gratulation übrigens auch zum neuen Erscheinungsbild – es gefällt auch all meinen Freundinnen sehr gut und ist gut zu handhaben.

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