Mit dem Rad über den St. Gotthardpass von Luzern ins Tessin

Wer eine besondere Radtour machen möchte

St. Gotthardpass auf 2.160 m ©besser länger leben

Klingt nach echten Mammutaufgabe: Doch diese Alpenüberquerung muss nicht eine sportliche Höchstleistung sein. Ich habe mich der Aufgabe gestellt, lesen Sie hier.

Mit einem guten E-Bike, etwas Kondition und der richtigen Planung wird die Fahrt über den Gotthard zu einem Erlebnis, bei dem Landschaft, Geschichte und Genuss gleichermaßen im Mittelpunkt stehen.

Eine Radtour zum Nachreisen

Meine Reise beginnt am Bahnhof Luzern und führt mit dem Schiff über den Vierwaldstättersee, durch das Reusstal, über den St. Gotthardpass und schließlich hinunter ins Tessin – insgesamt rund 100 Radkilometer, ergänzt um die Schiffsfahrt von Luzern nach Flüelen und die Zugfahrt von Biasca nach Bellinzona.

Auftakt: Mit dem Schiff von Luzern nach Flüelen

Die Radtour wurde von www.eurobike.at  geplant und kann auch dort gebucht werden. Das Gute daran, dass das Gepäck von Hotel zu Hotel gebracht wird und man sich auch sonst um nichts kümmern muss. Einfach den Koffer (max. 20 Kg) bis 9 Uhr morgens mit dem Anhänger bei der Rezeption abgeben und bis 18 Uhr ist das Gepäck im nächsten Hotel. Bei allen übrigen Strecken wie am Vierwaldstättersee organisiert die Schweizer Bahn SBB den Gepäcktransport. Dies funktioniert bestens.

Schifffahrt am Viewaldstättersee©besser länger leben

Der perfekte Einstieg in meine Tour ist überraschend entspannt: Das Fahrrad bleibt zunächst an Bord des Schiffes. Von Luzern geht es über den Vierwaldstättersee Richtung Flüelen. Rund 2 Stunden und 45 Minuten dauert die Schiffsfahrt. Am Schiff kann man sich noch stärken und seelisch auf die nächsten Tage vorbereiten.

Die Landschaft verändert sich dabei beinahe unmerklich. Zunächst begleitet mich Rigi und Bürgenstock, später wird der See enger, die Felswände werden steiler. Am Urnersee passieren wir historische Orte wie das Rütli und die Tellsplatte. In Flüelen beginnt schließlich der sportliche Teil der Radreise.

  1. Etappe: Flüelen – Amsteg | ca. 25 km

Von Flüelen radele ich in einer munteren und gleichgesinnten Radgruppe zunächst gemütlich durch das Reusstal. Die Strecke ist vergleichsweise flach und deshalb ideal, um sich auf die kommenden Höhenmeter einzustimmen. Wer möchte, kann die Etappe über andere Radwege und Nebenstrecken verlängern; die direkte Verbindung nach Amsteg ist ungefähr 20 bis 25 Kilometer lang. Die Abzweigungen und Alternativrouten sind bestens ausgeschildert. Am besten bleibt man auf der Radroute 3 die führt bis in den Süden und begleitet mich permanent.

Schweizer Sprache ist lesenswert©besser länger leben

Man kreuzt einige Male den Fluß Reuss über kleine Brücken und fährt zumeist diesem bis Amsteg entlang. Es gibt bis auf kleine Teilstrecken hier keinen Autoverkehr – nur Spaziergänger und Radfahrer.

Unser Tagesziel ist Amsteg, ein historischer Verkehrsort am Beginn des Gotthardanstiegs. Übernachtet habe ich im Hotel Stern & Post. Das Haus ist selbst ein Stück Gotthardgeschichte: Bereits 1357 wird an dieser Stelle ein Gasthaus erwähnt. Nach einem Brand wurde es 1788/89 neu errichtet. Auch Johann Wolfgang von Goethe kehrte hier ein. 1850 erhielt das Haus eine öffentliche Poststelle – daher der Name „Stern & Post“. Das Haus hat Geschichte, ist gediegen und das Interieur ebenso.

Abends gehe ich nach dem vorzüglichen Abendessen noch ein paar Schritte vor das Hotel und blicke angespannt hinauf in die Bergwelt, die mich morgen erwartet.

  1. Etappe: Amsteg – Andermatt | ca. 22 km

Morgen 9 Uhr: Jetzt wird es ernst. Auf Empfehlung des Hotelbesitzers nehmen wir gleich beim Hotel eine alternative Route links über eine MTB-Schotterpiste und fahren nicht die normale Straße mit den Motorrädern, die alle die kurvigen Asphaltstraßen lieben. Wir bevorzugen lieber die MTB-Strecke. Es geht rund 4 km steil und stetig bergauf. Hier wohnen tatsächlich noch Menschen in kleinen Bauernhäusern. Wie die hierher im Winter kommen ist schleierhaft. Es geht sogar durch kurze Tunnelstrecken und nach gut einer halben Stunde zweigen wir dann wieder auf die normale Autostraße ab. Aber wir haben uns dafür einige Höhenmeter so gespart.

Stetig bergauf meine Abkürzung©besser länger leben

Von Amsteg führt die Route stetig bergauf durch das Reusstal, vorbei an Gurtnellen und Wassen in Richtung Göschenen. Eisenbahn, Autobahn, die alte Gotthardstrasse und Reuss zwängen sich hier teilweise auf engstem Raum durch das Tal und ich mittendrinnen.

Teufelsbrücke

Der absolute Höhepunkt dieser Etappe ist die Schöllenenschlucht. Steile Felswände, tosende Reuss und die historische Teufelsbrücke vermitteln eindrucksvoll, warum dieser Abschnitt früher als nahezu unpassierbar galt. Die Sage erzählt, dass die Urner den Teufel um Hilfe beim Brückenbau baten. Als Gegenleistung sollte ihm der erste Mensch gehören, der die Brücke überquert. Die Urner schickten kurzerhand einen Ziegenbock hinüber. Der getäuschte Teufel wollte daraufhin einen gewaltigen Stein ins Tal schleudern – doch eine alte schlaue Frau zeichnete ein Kreuz darauf und vereitelte seinen Plan.

Auch das Suworow-Denkmal, häufig Russendenkmal genannt, erinnert an die dramatischen Kämpfe von 1799 zwischen russischen Truppen unter General Suworow und den napoleonischen Franzosen.

Suworow-Denkmal in den Fels geschlagen©besser länger leben

Für Radfahrer ist diese Etappe anspruchsvoll, weniger wegen der Kilometer als wegen der kontinuierlichen Steigung und einzelner steiler Passagen. Man fährt neben tosenden Wassermassen, auf einer vom Autoverkehr getrennten Fahrspur und vielen Fotomotiven. Mit dem E-Bike bleibt genügend Kraft, um die Landschaft einigermaßen zu genießen – und genau das sollte man hier tun. Man muss nicht übertreiben und so mache ich einen Halt um Fotos zu machen, als ich neben einen Schild stehe mit der Aufschrift „Hier nicht halten, Steinschlaggefahr“. Also es geht doch wieder weiter. Nach 2,23 Stunden, 22 km und 844 Höhenmeter erreiche ich Andermatt.

Andermatt ist erreicht©besser länger leben

Wir kehren zu Mittag im Restaurant Bergidyll ein und deponieren unsere Räder. So können wir noch einen Rundgang durch Andermatt machen.

Andermatt: Geschichte auf Schritt und Tritt

Andermatt Zentrum©besser länger leben

Andermatt liegt auf rund 1.440 Metern und ist seit Jahrhunderten ein wichtiger Kreuzungspunkt der Alpenpässe. Das Zentrum besteht aus alten Hotels und alten Holzhäusern. Ein kleiner Rundgang lohnt sich um den Ort zu erkunden. Besonders spannend ist die Geschichte von 1799, als hier im Zusammenhang mit den Napoleonischen Kriegen russische und französische Truppen aufeinandertrafen.

Für einen kurzen Rundgang lohnt sich das historische Zentrum mit Rathaus, Dorfbrunnen und den alten Häusern. Anschließend kann man noch einmal Richtung Schöllenen und Teufelsbrücke gehen.

Wer sich für Militärgeschichte interessiert, findet rund um Andermatt zahlreiche Spuren dieser bewegten Vergangenheit.

  1. Etappe: Andermatt – St. Gotthardpass | ca. 12 km

An Nachmittag geht es weiter: Nun wartet der eigentliche Prüfstein, der St. Gotthardpass auf 2.106 Metern. Von Andermatt sind es rund 12 Kilometer und etwa 650 bis 700 Höhenmeter bis zur Passhöhe. Die durchschnittliche Steigung liegt bei etwa sieben bis acht Prozent, einzelne Abschnitte sind noch steiler.

Auffahrt zum Gotthardpass©besser länger leben

Mit dem E-Bike ist die Auffahrt gut zu schaffen – aber keineswegs ein Spaziergang. Entscheidend ist, den Akku nicht schon am Anfang leerzufahren. Lieber eine niedrigere Unterstützungsstufe wählen und gleichmäßig pedalieren. Leider muss man die ersten Kilometer aus der normalen Autostraße fahren. Erst nach einigen Kilometer, zweigt man nach rechts in eine beruhigtere Nebenstraße   ein. Hier genießt man die Almböden, die Kühe und ist fokussiert auf das gleichmäßige Radfahren. Es geht gleichmäßig bergauf.

Oben angekommen, ist die Freude groß: Der Gotthard ist geschafft!

Alternativ kann man den Postbus samt Rad von Andermatt bis zum Gotthardpass nehmen. Wesentlich angenehmer direkt vom Bahnhof.

Karge landschaft auf 2.160 m©besser länger leben

Oben auf der Passhöhe erwartet uns eine typische karge alpine Landschaft mit einem kleinen See, dessen Wassertemperatur ca. 4 Grad haben dürfte. Lediglich die hohen Windräder stören hier. Während es im Tal um die 22 Grad hat, hat es hier oben nur mehr 14 Grad abends. Also dicke Jacken an und Räder verstauen und zum Aufladen anstecken.

Für die Nacht bietet sich das Hospiz auf der Passhöhe an. Schon seit Jahrhunderten diente hier ein Hospiz allen Reisenden als Schutz vor dem rauen Alpenwetter. Die Geschichte des Hauses reicht bis ins Mittelalter zurück; 1799 wurde das Hospiz während der Kämpfe zwischen Franzosen und Russen zerstört. Inzwischen wieder aufgebaut, ist das Hospiz innen komplett modernisiert und man ist über den Komfort sogar überrascht. Viel Holz und modernste Badezimmer. Hier schläft man gut, aber 2.160 Meter Seehöhe spürt man eben doch.

Das Hospiz am Gotthard©besser länger leben

Ein gemütliches Abendessen beendet meinen heutigen Tag. Irgendwie legt man sich stolz in sein Bett und lässt die heutige Etappe Revue passieren, bevor man wegschläft.

  1. Etappe: Über die Tremola ins Tessin

Nächster Morgen um 9 Uhr, es hat 4 Grad als ich zum Frühstück gehe. Jetzt kommt die Belohnung: die Abfahrt ins Tessin – so glaubt man. Aufgrund der tiefen Temperatur ziehe ich Windjacke, Regenhose, Haube unter dem Helm und dicke Handschuhe an, checke mein E-Bike noch und dann bin ich startklar.

Heute erwarten wir einen organisierten Bike-Guide (Stefano Bergamaschi Tel: 0041763732698) der uns bei unserer heutigen Etappe begleiten wird und Goldes wert ist. Er gibt uns Tipps, zeigt uns vieles das man nie entdecken würde und gibt uns moralische Kraft für diese lange Etappe. Wir haben über 60 Kilometer vor uns.

Die klassische Tremolastraße©besser länger leben

Wir starten: Besonders eindrucksvoll ist die alte gepflasterte Tremolastrasse hinunter nach Airolo. Sie wurde zwischen 1827 und 1832 nach Plänen des Tessiner Ingenieurs Francesco Meschini gebaut und 1830 eröffnet. Ihre zahlreichen Kehren und die historische Granitpflasterung machen sie zu einem einzigartigen Erlebnis. Winters ist dieser Teil meist gesperrt. Nur vereinzelt Motorräder begegnen uns, denn der normale Autoverkehr führt über die neue Gotthartsraße.

Angenehm es geht bergab: Doch das Kopfsteinpflaster verlangt allerdings volle Konzentration. Hände locker am Lenker, Geschwindigkeit kontrollieren und nicht vergessen: Bremsen können auf langen Abfahrten heiß werden. Aber zum Aufwärmen und Fotografieren bleiben wir doch ab und zu stehen.

Steil und unzählige Serpentinen©besser länger leben

Nach Airolo geht es weiter durch die Leventina mit einer satten Steigung rund 800 Hm, stetig bergauf und die Strecke scheint im Himmel zu enden. Aber dann habe ich es doch geschafft. Es geht dann wieder über kleine Straßen und Wege bergab.

Ein schöner Zwischenstopp ist Gribbio bei Chironico mit der gemütlichen Osteria Grotto ul Ciurlin – ein typisches Tessiner Grotto mit regionalen Spezialitäten und Bergblick. Ein kleiner Bergort mit maximal acht Steinhäuser, das im Winter komplett geschlossen ist. Wir genießen unsere Bergjause in der Osteria mit Käse, Schinken und gutem Brot. Übrigens Ostaria – dies waren früher die Steinhäuser die im Schatten lagen, meist sehr tiefe Keller hatten, wo die Essensvorräte kühl gelagert wurden. Stefano unser Guide mahnt zum Aufbruch.

Gribbio ein kleines Bergdorf mit rund 10 Häusern für eine Rast©besser länger leben

Von hier führt die Tour (ausgeschildert als Route 3) weiter Richtung Biasca. Es geht stetig flott bergab, neben einer beeindruckenden Schlucht, durch Wälder, Wiesen und Almen. Der Weg ist zwar asphaltiert, doch plötzliche Regenbecken recht zwingen mich sehr aufmerksam zu fahren. Meine Bike-Bremsen geben alles her.  Die Abfahrt dauert hier rund eine Stunde. Somit waren es vom Gotthardpass über 64 km bis Biasca. Von Biasca–Bellinzona haben wir schließlich mit dem Zug zurückgelegt, da Stefano meint hier hat man immer lästigen Gegenwind, sodass die letzte Etappe nicht vollständig mit dem Fahrrad gefahren wurde.

Es ist geschafft

In Bellinzona geben wir die E-Bikes am Bahnhof zurück.

Was bleibt: Eine anspruchsvolle Radtour mit echten Steigungen für halbwegs Sportliche, kargen Berghöhen, aber auch Ruhepausen und Einblicke in die Geschichte des Gotthard. Wenn man es moderat angeht, schaffen diese Tour auch weniger Geübte. Allerdings Übung und Erfahrung mit E-Bike und etwas Radpraxis sollte man schon haben.

Promenade in Bellinzona©besser länger leben

Wie immer, ist in der Schweiz alles ordentlich angeschrieben und ausgeschildert, die Bahntransporte klappen auf die Minute genau. Mich persönlich hat diese Passüberquerung sehr beeindruckt und sie wirkt noch lange nach. Ein Erlebnis das ich nicht missen möchte.

Zur Ausrüstung: Weniger ist mehr

Für diese Tour braucht es keine Expeditionsausrüstung. Wichtig sind:

  • ein zuverlässiges E-Bike, ideal mit 620 Watt samt Ladegerät
  • Ersatzschlauch, kleine Luftpumpe und grundlegendes Fahrradwerkzeug
  • Helm, Handschuhe und Sonnenbrille
  • normale Radbekleidung für die Tallagen
  • warme Radkleidung für die Passhöhe: Windjacke, lange Schicht und gegebenenfalls Mütze oder Stirnband
  • gute, wetterfeste Radschuhe
  • ausreichend Trinkflüssigkeit und Energieriegel

Und noch ein wichtiger Tipp: Das Wetter am Gotthard nicht unterschätzen. Im Tal kann Hochsommer herrschen, während oben auf 2.100 Metern kalter Wind, Nebel oder sogar Schnee warten.

Mein Fazit

Diese Alpenüberquerung verbindet Natur, Bewegung und Geschichte auf besondere Weise. Und wer am Ende des Tages mit müden Beinen, einem leeren Akku und einem breiten Grinsen in Bellinzona ankommt, weiß:

Der Gotthard ist nicht nur ein Pass – er ist ein Erlebnis. So erging es mir.

Danke für die freundliche Unterstützung an https://www.switzerland.com

Nützliche Links:

https://www.austrian.com/at/de/homepage

https://www.oebb.at/de/tickets-kundenkarten/oesterreich-europa/travel-paesse/swiss-travel-system

https://www.sbb.ch/de/angebote/swiss-travel-pass

https://www.lakelucerne.ch/de/

https://www.passosangottardo.ch

https://www.stern-post.ch/index.php/de/

https://www.ticino.ch/de/

Redaktion Friedrich Graf

7 Kommentare

  1. Lieber Herausgeber, ich fahre auch ab und zu mit dem Fahrrad, aber diese Tour muss etwas besonderes gewesen sein.
    War es sehr anstrengend, trauen sie einem gesunden doch nicht sehr sportiven menschen dies Tour auch zu?

  2. Muss ja ein aufregende Radtour gewesen sein. Viel erlebt und schöne Landschaften gesehen.
    Ist halt sehr weit die Schweiz, aber vielleicht im nächsten jähr auf dem Plan.

  3. Sehr gut beschrieben.
    Ist das wirklich auch für normale Radfahrer die nur maximal Forstwege fahren?
    Ich überlege ob ich das einplane bzw. auch bei der Firma gleich buche.

  4. Das muss eine wunderschöne Radtour sein.
    Die will ich auch einmal machen, aber für heuer ist es vermutlich zu spät, aber im Frühjahr. Ich bin dabei.

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