Darüber haben wir mit dem seit 1. September 2025 amtierenden Generalsekretär Andreas Sturmlechner gesprochen – und überraschend klare wie erfreulich positive Einschätzungen erhalten.
Andreas Sturmlechner ist ein leidenschaftlicher Reiseenthusiast mit jahrzehntelanger Branchenerfahrung. Dreißig Jahre lang war er bei der Europäischen Reisversicherung AG tätig, zuletzt als Vorstand für Vertrieb und Marketing. Kaum jemand kennt die österreichischen Reisebüros und jene Unternehmen, die im Tourismus tagtäglich mit Kundinnen und Kunden arbeiten, so gut wie er.
Es lag daher nahe, dass er mit 1. September 2025 die Funktion des Generalsekretärs des Österreichischen ReiseVerbandes übernommen hat. Damit folgt er auf Dr. Walter Säckl, der diese Position über ein Viertel Jahrhundert lang mit großem Engagement innehatte.
Wie es der Zufall – oder besser gesagt ein strategischer Schulterschluss – seit Februar 2026 will, haben die beiden größten freien Interessenvertretungen im österreichischen Tourismus beschlossen, künftig enger zusammenzuarbeiten: der Österreichische ReiseVerband (ÖRV), der rund 500 Reisebüros vertritt, und die Österreichische Hotelvereinigung (ÖHV), die etwa 1.700 Hotels repräsentiert.
Gemeinsam setzen sie auf Kooperation in den Bereichen Ausbildung, Innovation und Lobbying – und residieren nun unter derselben Adresse in der Mechelgasse im dritten Wiener Gemeindebezirk.
Wir haben mit Andreas Sturmlechner über die Branche, seine Ideen und die Zukunft der Reisebüros gesprochen.
Besser länger leben (BLL):
Seit Kurzem haben ÖRV und ÖHV dieselbe Adresse. Das klingt nach mehr als nur einer organisatorischen Entscheidung. Was dürfen wir uns künftig erwarten?
Andreas Sturmlechner:
Es ist zweifellos ein Vorteil, wenn zwei so bedeutende Tourismusorganisationen unter einem Dach arbeiten. Die Wege werden kürzer, Abstimmungen effizienter, der Austausch intensiver. Beide Verbände haben eine engere Zusammenarbeit in den Bereichen Ausbildung, Innovation und Lobbying beschlossen.
Ein zentrales Thema ist die Nachwuchsentwicklung. Dafür haben wir einen eigenen Ausschuss, die „Initiative Z“, eingerichtet – eine Initiative, die von Martin Fast von Dertour Austria angeregt wurde.
Unser Ziel ist insgesamt klar: Wir wollen den Service für unsere Mitglieder weiter ausbauen und sie wo immer wir können in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung unterstützen.
Andreas Sturmlechner ©privat
BLL:
Reisebüros und Hotels sind am Markt teils Partner, teils Mitbewerber – besonders bei Pauschalreisen wird um jeden Euro gerungen. Kann das nicht zu Spannungen führen?
Andreas Sturmlechner:
Das ist de facto in Österreich nicht der Fall, denn sowieso entscheiden die Kunden, wo und wie sie sich für Ihren Urlaub entscheiden. Und gerade darin liegt eine Chance. Wenn Interessensvertretungen besser abgestimmt agieren, können Ressourcen gebündelt und Synergien genutzt werden. In herausfordernden Zeiten zahlt sich Zusammenarbeit immer aus. Es geht nicht um Konkurrenz, sondern um gemeinsame Stärke für die Branche.
BLL:
Sie bringen mehr als 30 Jahre Tourismuserfahrung mit. Welche Impulse dürfen die Mitglieder des ÖRV von Ihnen erwarten?
Andreas Sturmlechner:
Unser Anspruch ist es, für unsere Mitglieder gewissermaßen vorauszudenken – Marktentwicklungen frühzeitig zu erkennen und mit konkreten Tools und Lösungen darauf zu reagieren. Das reicht von Aus- und Weiterbildung, über Beratung für neue Kolleginnen und Kollegen bis hin zur Unterstützung bei länderübergreifenden Herausforderungen. Themen wie Künstliche Intelligenz im Reisebüro, Nachhaltigkeit oder Beratungsqualität stehen ganz oben auf unserer Agenda.
Beim ÖRV-Frühjahrskongress am 16. und 17. April, der unter dem Motto „Initiative Zukunft – Kontinuität und frische Impulse“ steht, werden wir diese Schwerpunkte intensiv diskutieren, relevante Speaker werden uns inspirieren und wir werden unsere Branche über den Tellerrand hinaus betrachten. Gemeinsam spannen die Speaker einen Bogen von persönlicher Leistungsfähigkeit über gesellschaftliche Verantwortung bis hin zu langfristigen Zukunftsbildern.
BLL:
Wo sehen Sie aktuell den größten Handlungsbedarf für österreichische Reisebüros?
Andreas Sturmlechner:
Eine der größten Herausforderungen ist es, qualifizierte Mitarbeiter langfristig zu halten. Gute Nachwuchsarbeit ist entscheidend, denn neue Reisebürokaufleute gewinnt man nicht über Nacht – Suche, Einschulung und Ausbildung kosten Zeit und Geld.
Auch das Thema Pauschalreise verdient mehr Bewusstsein. Viele Kundinnen und Kunden buchen Flug und Hotel einzeln im Internet – und stehen im Problemfall ohne zentralen Ansprechpartner da und erleiden finanzielle Verluste, wenn Teilleistungen nicht funktionieren. Hier liegt eine große Stärke des Reisebüros. Eine nach den persönlichen Bedürfnissen individuell kombinierte Pauschalreise bedeutet Sicherheit bei Planung, Preis und Durchführung und der Kunde genießt den gesetzlichen Schutz der Pauschalreiserichtlinie mit einem zentralen Ansprechpartner. Die persönliche Betreuung von fachkundigen Personen kann durch das Internet nicht ersetzt werden.
Auch besteht bei Digitalisierung und KI-Kompetenz noch Potenzial. Nur mit optimalen Rahmenbedingungen und moderner Ausrichtung bleiben Reisebüros auch künftig stabil und erfolgreich.
BLL:
Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Sie sind beruflich viel gereist. Welche Ihrer letzten Reisen hat Sie besonders beeindruckt?
Andreas Sturmlechner:
In jüngerer Vergangenheit hat mich Bhutan am meisten beeindruckt. Das kleine Königreich im Himalaya misst Wohlstand nicht am Bruttoinlandsprodukt, sondern am Bruttonationalglück (GNH). Nachhaltigkeit und spirituelle Werte prägen das Leben dieses einzigartigen Landes. Den Menschen dort zu begegnen, ist eine besondere Erfahrung und Wohltat.
Vielen Dank für das Gespräch!


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