Ältere Beschäftigte im Wirtschaftsprozess – Was meint die Vizepräsidentin der WKO

Ältere haben wissen aufgebaut, auf das Betriebe nicht verzichten sollten

Ulrike Rabmer-Koller, Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Österreich ©WKO
Ulrike Rabmer-Koller, Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Österreich ©WKO

Wir haben zu diesem Thema mit KommrRMag. Ulrike Rabmer-Koller gesprochen.

Was man bei Gleichstellung Jung gegen Alt machen kann und wie man auch länger Ältere im Betrieb halten kann.

Die in Linz geborene, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sie hat Betriebswirtschaftslehre an der Johannes Kepler Universität in Linz studiert und ist seit 1992 im elterlichen Betrieb und ab 2011 Alleinige Gesellschafterin des Unternehmens das im Hoch-, Tiefbau und in der Umwelttechnik tätig ist.

Hier unser Interview:

Besser Länger Leben: Das Thema Älterer Mitarbeiterinnen beschäftigt fast jedes Unternehmen. Jüngere kosten weniger, Jüngere sind zeitgemäßer ausgebildet und belastbarer. Warum wundert es uns dann, wenn die Arbeitslosenrate bei Älteren im Steigen begriffen ist. Wie ist zu diesem Thema die Meinung der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) und was kann man tun?

WKÖ-Vizepräsidentin Ulrike Rabmer-Koller: Es ist richtig, dass ältere Arbeitnehmer aufgrund des Senioritätsprinzips in vielen Kollektivverträgen für die Unternehmen oftmals teurer sind als Jüngere, was natürlich die Jobsuche von älteren Arbeitslosen erschwert. Um dem gegenzusteuern, wollen wir eine Abflachung der Einkommenskurven erreichen. Das ist in vielen Kollektivverträgen auch schon gelungen, zuletzt etwa im Handel, in der Industrie sowie bei den Banken und im IT-Sektor. Erste positive Auswirkungen gibt es bereits, wie auch die kürzlich vom AMS veröffentlichten Zahlen zeigen: Demnach fanden insgesamt 594.153 Jobsuchende und Schulungsteilnehmer im Jahr 2018 einen neuen Arbeitsplatz. Fast ein Drittel davon, nämlich 31 Prozent, waren bereits 45 Jahre oder älter. Erfreulich ist auch, dass die Arbeitslosenquote der über 50-Jährigen in jedem Monat des Jahres 2018 gesunken ist.

Besser Länger Leben: Wenn ein Unternehmer einen jungen Menschen sucht und einstellen will, kommt schon beim Bewerbungsgespräch das Thema „Diskriminierungstatbestand im Alter“ ins Spiel. Bedeutet dies Unternehmer sind in ihrer Entscheidung, wem sie einstellen wollen nicht mehr frei und müssen sie Sorge haben, dass der abgewiesene Bewerber auch noch klagt? Was rät hier die WKÖ?

Rabmer-Koller: Wichtig ist, dass Stellenausschreibungen und Auswahlverfahren grundsätzlich diskriminierungsfrei erfolgen. Wir raten Unternehmen dazu, nach jedem Bewerbungsgespräch die wesentlichen Inhalte schriftlich zusammenzufassen. Denn wird der oder die Bewerberin abgelehnt, sollte man das mit sachlichen Argumenten begründen können, die auch nachweisbar sind.

Besser Länger Leben: Warum nutzen Unternehmen die Ressourcen von älteren Dienstnehmern so wenig? Von Kleinunternehmen bis zu Großbanken wollen viele ältere MitarbeiterInnen mittels Golden Handshakes los werden. Daher ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr Ältere frühzeitig in Pension geschickt“ werden. Was könnte man aus Sicht der WKÖ da tun?

Rabmer-Koller: Diese Einschätzung teile ich nicht ganz. Vielen Betrieben ist der Wert ihrer älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bewusst. Das belegen auch die Zahlen des AMS: Im Jahr 2018 beschäftigen Österreichs Unternehmen 1,02 Mio. Personen im Alter von 50 plus. Das sind um 54.000 Personen mehr als 2017. Die Beschäftigung der über 50-Jährigen wächst damit um 5,6 %, das liegt deutlich über dem allgemeinen Beschäftigungswachstum (+ 2,4%).  Und heuer dürfte die Zahl der über 60-Jährigen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Österreich jene der unter 20-jährigen sogar erstmals übersteigen. Als Wirtschaftskammer unterstützen wir die Beschäftigung Älterer durch eine Reihe von Maßnahmen, u.a. haben wir umfassende Infos für Betriebe auf der Website www.arbeitundalter.at, die wir gemeinsam mit den Sozialpartnern betreiben, zusammengestellt. Auch ist der Erhalt der Arbeitsfähigkeit und der Gesundheit im Alter ein wesentlicher Teil unserer Strategie zur Fachkräftesicherung. Denn allein schon die demografische Entwicklung zeigt uns, wie wichtig ältere Arbeitskräfte sind.

Besser Länger Leben: Als Beispiel führe ich einen großen Baukonzern an, wo der Vorstandsvorsitzende mir erklärte, Bauarbeiter und Bauleiter werden nicht mehr beschäftigt, weil sie die schwere Arbeit am Bau nicht mehr schaffen. Was kann man mit diesen älteren Menschen machen? Es wäre doch ein interessantes Model, wenn diese Menschen in einem eigens dafür entwickelten Modell sich um den Nachwuchs kümmern und so das Wissen im Unternehmen „weitergegeben“ wird. Gibt es so ein Modell und was bietet dazu die WKÖ an?

Rabmer-Koller: Solche sogenannte Tandem-Modelle gibt es. Wir empfehlen sie in vielen Fällen auch. Denn dort, wo ältere Mitarbeiter aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr einsetzbar sind, aber über großes Know-how verfügen, das sie an jüngere Kolleginnen und Kollegen weitergeben können, ist das eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Gerade die Bauwirtschaft ist allerdings Vorreiter, was Übergangslösungen für ältere Mitarbeiter betrifft, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten können. Zum Beispiel gibt es – bezahlt aus der Bauarbeiter-Urlaubs- und Abfertigungskasse (BUAK) – ein Überbrückungsgeld bis zum tatsächlichen Pensionsantritt.

Besser Länger Leben: Es bestehen doch gesetzlich geregelte Begünstigungen bei Sozialversicherungs- und Steuerabgaben wie Entfall des Arbeitslosenversicherungsbeitrages Entfall des Insolvenzentgeltsicherungsbeitrages, Entfall des Unfallversicherungsbeitrages ab dem 63. Lebensjahr. Warum greifen dies Maßnahmen nicht? Welche Forderung wäre daher seitens der WKÖ wünschenswert?

Rabmer-Koller: Es geht nicht von heute auf morgen, aber die Maßnahmen greifen sehr wohl. Zumindest bei den Männern – wir haben ja noch ein unterschiedliches Frauen- und Männerpensionsantrittsalter – ist die Beschäftigungsquote der 60- bis 64-Jährigen in den vergangenen zehn Jahren von 20 auf fast 40 Prozent gestiegen. Das heißt, es arbeiten heute doppelt so viele in dieser Altersklasse als noch vor zehn Jahren. Ein sehr erfolgreiches Modell ist in diesem Zusammenhang übrigens auch die Eingliederungsbeihilfe, die das AMS den Unternehmen bei der Einstellung älterer Arbeitsloser gewährt. Denn zwei Drittel dieser Dienstverhältnisse sind auch drei Monate nach Auslaufen dieser Förderung noch aufrecht.

Besser Länger Leben: Durch einen frühzeitigen Pensionsantritt, wird auch oft die zukünftige Pension damit geringer. Noch dazu wenn derjenige dann noch dazuverdienen will, darf er dies erst ab dem Zeitpunkt der Alterspension tun. Warum kann man hier nicht Anreize schaffen?

Rabmer-Koller: Natürlich kann man über die Zuverdienstgrenzen diskutieren. Doch uns ist daran gelegen, dass die Betroffenen möglichst nicht in vorzeitigen Ruhestand gehen, sondern bis zum Regelpensionsalter arbeiten. Insofern ist es nachvollziehbar, dass bestimmte Grenzen eingezogen werden. Sie sind sozusagen Anreiz, länger in einem richtigen Arbeitsverhältnis zu arbeiten.

Besser Länger Leben: Politiker fordern in Europa, dass Menschen länger bis 70 Jahre arbeiten. Unternehmer kündigen Ihre Mitarbeiter oftmals mit 55 bis 58 Jahren. Wie löst man diesen Widerspruch? Was fordert in diesem Zusammenhang die Arbeitgeberseite wie die WKÖ?

Rabmer-Koller: Hier ist unser Ziel ganz klar: Wir wollen, dass das tatsächliche Pensionsantrittsalter schrittweise an das gesetzliche herangeführt wird. Denn das faktische Alter, in dem die Österreicherinnen und Österreicher durchschnittlich in Pension gehen, liegt nach wie vor bei rund 60 Jahren, und zwar Frauen und Männer zusammengerechnet. Dabei liegt das gesetzliche Antrittsalter für Frauen bei 60 und für Männer bei 65 Jahren.

Besser Länger Leben: Es gibt in Österreich immer mehr Teilzeitkräfte, befristete Dienstverträge und zwangsverordnete EPU´s. Die Zahl der „normalen“ Dienstanstellung nimmt stetig ab – dies bedeutet aber auch geringer Pensionen für diese Menschen. Die Wirtschaft fordert dies. Dieser Bumerang – dass die Menschen zukünftig weniger Geld für ihre Einkäufe haben – wird die Wirtschaft aber zu spüren bekommen. Wäre es aus Sicht der WKÖ nicht sinnvoll hier gegenzusteuern?

Rabmer-Koller: Hier zeigen die aktuellen Arbeitsmarkzahlen etwas anderes: Rund drei Viertel der im Vorjahr geschaffenen Arbeitsplätze sind nämlich Vollzeitarbeitsplätze. Genauso sind die häufig beklagten befristeten Dienstverhältnisse in Österreich kein großes Thema und meist durch Karenzvertretungen und Ähnliches bedingt. In den vergangenen Jahren wurden Teilzeitjobs zwar immer beliebter, aber insbesondere bei Frauen, die Kinderbetreuungspflichten haben. Gleichzeitig ist die Erwerbsquote bei Frauen gestiegen, da Ihnen Teilzeit die gewünschte Vereinbarkeit ermöglicht. Das zeigt, dass mehr Flexibilität in der modernen Arbeitswelt nötig ist. Hier wurde vergangenen Herbst mit der Flexibilisierung der Arbeitszeit ein sehr wichtiges Instrument geschaffen, um auf diese Anforderungen zu reagieren.

Besser Länger Leben: Wie geht die WKÖ selbst mit älteren MitarbeiterInnen um? Wie lange darf man arbeiten? Gibt es Einsatzpläne für ältere Menschen, wo klar geregelt ist was man mit ihnen im Alter macht?

Rabmer-Koller: In der letzten Mitarbeiterbefragung (2017) sagten 74% der Befragten, dass „das Arbeitsumfeld ihren alter(n)sgerechten Bedürfnissen entspricht“. Das ist offenbar mit ein Grund, warum der tatsächliche Pensionsantritt in der WKÖ sowohl bei Frauen als auch bei Männern über dem durchschnittlichen Pensionsantrittsalter in Österreich liegt. Wir legen großen Wert auf ein gesundes Arbeitsumfeld und als führende Wissens- und Dienstleistungsorganisation bekennt sich die WKÖ zu lebensbegleitendem Lernen. Das heißt, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben Zugang zu Weiterbildung, völlig unabhängig vom Alter.

Vielen Dank für das Gespräch!

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