Zwei Frauen, zwei Lebens- und Schicksalsgeschichten

Wertschätzung des Alters

Linda Naeff, „Die Familie“, 2001, Mischtechnik, Collage, 65×94 cm © Nachlass Linda Naeff

Interessante Ausstellung startet am 1. September im Museum im Lagerhaus in St.Gallen.

Ausstellung läuft vom 1. September – 15. November 2020

Linda Naeff (1926-2014) und Maria Rolly (*1925) trennt nur ein Altersjahr. Beide wurden in den 20er- Jahren des vergangenen Jahrhunderts geboren. Beide erlebten traumatische Ereignisse von Kindheit an, gefolgt von quasi «weiblichen» Schicksalsschlägen, wie dem Durchleiden von Vergewaltigung oder Fehlgeburten. Beide Künstlerinnen wurden auch durch ihre Familien-Bindungen geprägt: Maria Rolly als «Mutterlose», Linda Naeff als die «Zweitgeborene». So wurde letztere als Kind meist genannt. Später signierte Linda Naeff ihre Werke auch dementsprechend mit „LM II“ (Linda, Matricule II.). Beide erkämpften sich dennoch ihren Platz in der Welt. Und beide begannen im fortgeschrittenen Lebensalter und als Autodidaktinnen die Schläge, die ihnen das Leben bereitet hatte, künstlerisch zu formulieren, sichtbar zu machen und aufzuarbeiten.

Linda Naeff, „‹Mur grand›“, 2008, Ton, Mischtechnik, 58×46×20 cm © Museum im Lagerhaus

Mit Linda Naeff, „Matricule II.“, verband das Museum im Lagerhaus eine langjährige Freundschaft. Nach ihrem Tod im Jahr 2014 zeigte das Musée de Carouge 2016 in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Mario Del Curto eine Retrospektive ihres Schaffens, die in weiten Teilen vom Museum im Lagerhaus übernommen wird.

Maria Rollys ‹Mütter-Zyklus› (1988-1991) gelangte vergangenes Jahr als Schenkung in die Museumssammlung. Mit dieser Werkgruppe im Zentrum und weiteren Werken aus der Sammlung von Adeheid Duvanel (1936-1996), Reni Blum (1934-2003) und Berta Balzli (1920-2010) widmet sich die Ausstellung „ÜberMütter“ dem Thema Mutter-Kind-Beziehungen und Mütterlichkeit.

Hervorhebung von Frauen als Kunstschaffenden

In Zeiten, wo Frauenstreik und Gender-Gap täglich in den Medien auftauchen, möchte auch das Museum im Lagerhaus einen Beitrag dazu leisten und aufzeigen, wie geschlechterstereotype gesellschaftliche und persönliche Erwartungshaltungen Künstlerinnen nicht nur in ihrem Leben bedrängen, sondern auch in ihrem künstlerischen Schaffen beschneiden.

Man glaubt es kaum

Vor nicht einmal einem Jahr, nämlich im Juni 2019 wurde durch SWI swissinfo.ch folgende Information kommuniziert:

«In den meistbesuchten Kunstmuseen der Schweiz stammen nur gerade 13,6 % der Exponate von Künstlerinnen […].» Weiter würde deutlich « […] dass in Sachen Gleichstellung Handlungsbedarf in der schweizerischen Ausstellungsszene herrscht.»

Wir regen an, Linda Naeff und Maria Rolly als Wegweiserinnen zu erleben, die den Weg der Selbstbestimmung und Selbstbehauptung gegangen sind: als Frauen allgemein und als Künstlerinnen im Besonderen.

Wertschätzung des Alters

Maria Rolly (*1925), „Mütter-Zyklus, Nr. 7“, 1988-1991, Pastellkreide auf Papier, 93,5×64,5 cm © Museum im Lagerhaus

Die Künstlerinnen dieser Doppelausstellung wurden erst im fortgeschrittenen Alter künstlerisch tätig: Maria Rolly mit 40 Jahren, Linda Naeff sogar erst mit 61 Jahren. Maria Rolly befindet sich heute mit 94 Jahren in einem Alter, in dem die meisten Menschen in der Regel «unsichtbar» sind. Explizit Kreativität wird im Alter nicht erwartet. Daraus resultiert, dass diese übersehen und selten ernst genommen wird als aussagekräftige aktuelle künstlerische Äusserung.

«Alte» Künstlerinnen gelten nicht mehr als «zeitgenössisch».

Denn sind sie nicht schon in jungen Jahren berühmt geworden, haben alte Künstlerinnen wenige Chancen in einer Welt, in der Jugend an sich schon als Gütesiegel gilt. Gerade im Kunstbetrieb des 21. Jahrhunderts ist die «Unsichtbarkeit des Alters» allgegenwärtig. Das Museum im Lagerhaus steuert mit dieser Doppel-Ausstellung entschieden dagegen und zeigt mit den Werken dieser Künstlerinnen, welche Kraft und Inspiration Kunst im späten Lebensabschnitt aufweisen kann.

www.museumimlagerhaus.ch

Hinweis: Wir verstehen diesen Beitrag dazu, speziell auf Menschen die auch im Alter außerordentliche Leistungen erbringen, hinzuweisen – sogar eine Art Referenz zu erweisen. Kompliment an alle älteren Menschen, die nicht „unsichtbar“ werden, sondern aktiv sich weiter beschäftigen. Das nennt sich Besser Länger Leben.

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